Gewaltmarsch

Nur 46 Sekunden, „Eis im Bart“ (war tatsächlich so), der letzte Satz in diesem Video mit fast gebrochener Stimme lautet: „Ich pfeife aus dem letzten Loch.“ Das war heute morgen drei Kilometer vor Zu Hause. Angekommen war ich dann um 8:15 Uhr. Nach mehr als 12 Stunden draußen auf den Beinen. 20 Kilometer während der Arbeit, dann 10 KM zur Fahrradwerkstatt über Land und auf Feldwegen. Das kaputte Bike schob ich neben mich her (nachts hatte noch ein Kollege versucht, es in einen großen SUV-Dienstwagen zu packen – vergeblich, es passte nicht hinein). Gegen 6 Uhr kam ich an der Werkstatt an, kein Mensch weit und breit zu sehen. Kurzerhand trat ich den Rückmarsch an. 12 Kilometer, es ging ja noch weiter als zurück zur Arbeitsstätte. Zu Hause platt wie eine Flunder aber nur zwei Blasen am rechten Fuß. Den Muskelkater von vorgestern betäubte ich durch immer in Bewegung sein. Einmal saß ich gegen 1 Uhr eine halbe Stunde, danach kam ich wirklich kaum noch hoch. Wahnsinn, was ich in den letzten vielleicht drei Jahren körperlich abgebaut habe. Das hat mich selber ziemlich überrascht. Nie, nie, nie mehr mache ich so etwas! Schmerzen, mehr humpelnd als normal gehend, immer weiter, stundenlang, jeden Gedanken an Aufgabe im Keim erstickend, gegen den Schmerz anlaufend, weiter und immer weiter. Gehe, Georg, du schaffst es, geh, geh, geh! In meinem Leben war ich schon oft sehr weit zu Fuß gegangen, doch die letzten 10 Kilometer waren die schlimmsten, die ich je gegangen bin. Mit Rucksack übrigens. So etwas macht man mit 20 Jahren bei der Bundeswehr aber doch nicht im Alter. Wie bescheuert!

Und trotzdem war und ist das Gefühl, alles geschafft zu haben, überwältigend! Die Freude nach dem Ausziehen der Stiefel grandios, vollkommen nackig sich einmal kurz rückwärts ins Bett fallen zu lassen, alle viere von sich zu strecken: ursprünglicher, zufriedener und glücklicher geht nichts mehr.

Klar, die nächsten zwei, drei Tage wird der Muskelkater mich ausknocken, ich kann ja jetzt schon kaum noch einen Schritt gehen. Doch das macht nichts, denn ich habe bis Dienstagabend frei.

2 Kommentare zu „Gewaltmarsch

  1. Oja, liebe Barbara, da sprichst du etwas an, das ebenfalls in meiner Familie früher so der Fall war. Erinnerst du dich noch an die TV-Serie „Heimat“ in der die alte Katharina Simon ihr Bündel schnürte und vom Hunsrück auf zu den Verwandten nach Bochum marschierte? Auf dem Rückweg mit dem unterwegs erkrankten Mädchen? Genau das zog sich in ländlichen Regionen noch bis in die 50er Jahre. Klar, im Vergleich zu heute war es nicht gut damals, doch als das Heute eben damals noch im unentdeckten Land lag, war es halt normal. Klar ging man zu Fuß, eine Kutsche war damals so erschwinglich wie ein Privathubschrauber heutzutage.Nur wer reich war, konnte sich ein Pferd vor dem Einspänner leisten. Die wenigen wenigstens noch bürgerlich vermögenden Leute reisten in der Postkutsche. Diese Reiseberichte zum Beispiel von Annette von Droste Hülshoff, bei der eine Kutschfahrt vom Münsterland nach Süddeutschland ein tagelanges Abenteuer mit Übernachtungen in Poststationen oder Hotels bedeutete, sind ziemlich eindrucksvoll – und für diejenigen, die nur das Heute kennen, lesen sie sich wie Schilderungen von einem entfernten Planeten oder wie aus der Steinzeit, dabei sind auch sie nicht mal 200 Jahre her. Der stinknormale nicht-reiche Mensch wie du und ich ging zu Fuß.Wenn man es auf die Spitze treibt und die Fortbewegung bzw. das Reisen quasi evolutionär betrachtet, dann liefen die Menschen zu Fuß, seit es sie gibt und bis „gerade eben erst“. Allein die Erfindung der Dampfmaschine und des Individualverkehrs mit dem Auto änderte es langsam, aber auch nur sehr langsam, was nämlich bei/für Kurzreisen um die 20 Kilometer noch lange zu teuer blieb und auch die Strecken und Straßen dazu noch vermissen ließ.Wenn dann genug Zeit vorhanden ist, kann eine jahrelange Walz sogar das Leben ändern. Die Wanderschaft der Gesellen, um irgendwo unterwegs eine Arbeitsstelle zu finden, durch die sie sich niederlassen und dort eine Familie gründen konnten. Überhaupt wenn man mal in die Geschichte schaut, wie oft ein Marsch symbolhaft für Neues oder Revolutionäres steht, von Kings Marsch nach Washington über Maos langen Marsch bis hin zum Marsch durch die Institutionen – der Marsch gehört zum Menschsein wie der Apfel zum Apfelbaum.Es soll ja nicht jeder Gewaltmärsche unternehmen müssen, doch die Verweichlichung führt halt bis zu den gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise, nämlich zu einer Voll-Versorgungs-Menthalität, in der jegliche individuellen Abenteuer und Risiken des Alltags ausgeschlossen sind oder werden sollen. Der Preis für Gesundheit und Bequemlichkeit liegt heute auf dem Sofa, Chips mampfend, Cola saufend und in virtuellen Abenteuern seine Helden per Joystick steuernd.Du siehst, mir gehtꞌs nach dem Marsch prächtig, ich bin wieder richtig fies 🙂

  2. Mir wird schon beim Lesen ganz elend, ich bewundere, dass du das überlebt hast.Wir sind verweichlicht, noch unsere Großeltern und auch Eltern waren so Märsche gewohnt. Ein Auto hatte niemand.Meine Großmutter war Hebamme für Hausgeburten auf dem Thüringer Wald. War es soweit, kam der werdende Vater zu Fuß (es gab kein Telefon und ein Fahrrad hatte er auch nicht). Im Winter, die waren noch schneereich, wurden die Skier rausgeholt. Die Großmutter schnallte sich den Rucksack um und lief die 10, 20 km zur Wöchnerin. Das Kind kam auf die Welt, Großmutter bekam eine Kaffee (ihre große Leidenschaft) und machte sich auf den Rückweg. Daheim wartete die Landwirtschaft, der Ehemann und Kinder.Keine Woche hätte ich das durchgehalten.

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