Filmtipp: "Martin Eden"

Mein Gott, wie beschreibe ichꞌs nur? Den italienischen Spielfilm „Martin Eden„. Dabei handelt es sich um etwas, das ich so noch nie gesehen habe. Ein Kunstwerk, das von der ersten bis zur letzten Sekunde zwei Stunden lang fesselt. Eine Art Rundumblick durchs 20. Jahrhundert. Ein philosophischer Film, ein Werk des Existenzialismus, ein politischer Film, ein klassisches Drama. Die Technik erinnert ein wenig an eine Collage, Dokuszenen wechseln sich mit gespielten Szenen ab, Bilder streifen durch die Jahrzehnte und ich hätte nie geglaubt, dass ich die verhasste „Wackelkamera“ einmal so sehr schätzen würde: Der Film ist ein Meisterwerk, ein Geniestreich des Celluloids, für mich ein Film des Jahrhunderts.

Inhaltlich folgt er als rote Linie dem gleichnamigen Roman Jack Londons, doch visuell ist er eine Hommage ans „intellektuelle Kino“ der 50er bis 70er Jahre. Und dann das überwältigende Schauspiel von Luca Marinelli als Martin Eden. Das Gedeihen einer Rose, ihr Erblühen und das unaufhaltsame Welken. Wie die Seele aus enttäuschter Liebe fault, so verfaulen gleichsam seine Zähne: der Mann, der sich durchs Leben beißt geht in ihm am Ende unter. Die Maske gebührt in diesem Film eine gleichwertige Würdigung. Wie auch die Musik, doch meine Wenigkeit ist kein Musikkenner, erst recht nicht jener des Films, weshalb ich dazu besser nichts schreibe – nichts bis auf beeindruckend als Empfindung, mit der sie die vielen Schnipsel der Bilder zu verbinden vermag.

„Martin Eden“ steckt voller Metaphern, Anspielungen und auch Erinnerungen an vergangene filmische Meisterwerke. Die Regie des Dokumentarfilmers Pietro Marcello steht nicht nur gleichberechtigt neben Rossillini, Visconti oder Fellini, mit diesem Film hat Pietro Marcello es erstmals überhaupt geschafft, den poetischen Realismus massentauglich als wirklichen Unterhaltungsfilm zu gestalten, denn während man bei den Wegbereitern des filmischen Existenzialismus mit dem Gähnen vor lauter Untauglichkeit in den Programmkinos zu kämpfen hatte, entlässt einen „Martin Eden“ nicht mehr aus seinen Klauen.

Als kleiner Georg vermag nicht ansatzweise in Worte zu kleiden, wie ich beim Ansehen empfand, was ich alles in den Bildern gesehen habe und auf welch vielfältige Art und Weise mich dieser Film berührt und begeistert. Vielleicht muss man in den 70er Jahren aufgewachsen sein, gereist sein, die zeitgenössische Kunst in sogenannten „Intellektuellen-Kreisen“ miterlebt haben, schlicht sich selber und die Welt durch damalige Augen betrachtet haben, um die ungeheure Kraft und die Huldigung an diese längst vergangene und vergessene Epoche zu erkennen – ich weiß es nicht, doch der Film nahm mich mit ins Reich der westlichen Literatur, der Kunst und besonders des Genres Film des vorigen Jahrhunderts, er packte zu und möchte mich sogar im Nachklang nicht mehr loslassen.

Wie einleitend schon gesagt, einen solch genialen Film habe ich mein Lebtag noch nicht gesehen. Und er lässt mich sprachlos zurück.