Ehrerbietung – Ehrabschneidung

Trotz des umfangreichen Wikipedia-Artikels zum Thema Ehre, ist mir unklar, was es für mich bedeutet, jemandem Ehre darzubieten, ihn zu verehren (wobei die Vorsilbe „ver” ja eigentlich sogar das Gegenteil des Gemeinten aussagt). Heute spricht man sowieso seltener von Ehre als von Respekt, den man jemandem zolle. Den Begriff Respekt hingegen kann ich nicht mehr hören, da jeder Hinz und Kunz für jeden Furz und Schnurz mittlerweile diesen Respekt für sich, und zwar zwingend, sonst gibt’s was aufs Maul, einfordert. Dann also doch lieber die Ehre.

Die Frage stelle ich mir auch angesichts von Rikas heutigem Eintrag, in dem sie von einem Vorwurf schreibt, der gegen sie wegen einer Kritik an Friedrich Merz erhoben wurde. Kann man dem gerade ins Amt gewählten Bundeskanzler Merz nicht deftig oder derb kritisieren, da dies einer ehrabschneiden Behandlung gleichkäme?

Mal abgesehen vom Inhalt seiner israelfeindlichen Aussage, auf die sich Rikas Kritik zurecht bezog, stelle ich infrage, ob es überhaupt einen Inhalt, eine Überzeugung oder eine moralische Leitlinie bei Herrn Merz gibt, die kritikwürdig wäre, so beliebig wie er seine Meinung fast täglich ändert bzw. anpasst. Sein Reden kann heute Kritik, morgen Lob und übermorgen wieder Kritik hervorrufen und umgekehrt, so ungewiss und variabel ist man bei ihm dran. Nun, einen flexiblen Geist besitzt er, der Herr Bundeskanzler, das muss man ihm schon lassen.

Herr Merz hatte noch Anfang des Jahrtausend bei Journalisten darüber geprahlt, wie er als Jugendlicher mit den politisch gegnerischen Jugendlichen bei Veranstaltungen der CDU in Saalschlachten verwickelt war. Auch ich erinnere mich noch gut an diese Zeit. Politische Auseinandersetzungen von den 50er Jahren bis ca. Mitte der 80er wurden erheblich robuster ausgefochten als heutzutage. Beleidigungen des politischen Gegners, für die man heute eingesperrt werden würde, waren im Bundestag von den höchsten Vertretern oft zu hören. Wenngleich nur der grüne Joschka Fischer es in seiner Jugend auf die Spitze trieb, indem er auf einen am Boden liegenden Polizisten in einem wahrhaftigen Prügel-Furor mehrmals heftig eingetreten hatte. Als Dank wurde er später zum Außenminister gewählt. Nein, nicht als Dank, das ist mir schon klar, aber man kann es durchaus als Dank verstehen, denn eigentlich hätte sein brutales Verhalten gegenüber einem staatlichen Repräsentanten ihn für jede offizielle Position des Landes lebenslang ausgeschlossen, mit Sicherheit aber von jeder späteren Ehrung. An Fischer kann man sehr schön erkennen, ab wann der Wertewandel unserer Gesellschaft begonnen hat.

Friedrich Merz ist wie Joschka Fischer ein Berufspolitiker mit einem viel zu großen Maul, mit ausschließlich egoistischen Machtinteressen aber ohne einen irgendwo erkennbar herausragenden Intellekt. Und, soweit ich das beurteilen kann, auch ohne moralischen Kompass. Im Gegensatz zu Merz besitzt Fischer einen gewissen Charme, mit dem er leichter die Leute hinters Licht führen konnte. Es sind zwei Karrieristen, die beharrlich die Parteienleitern emporgestiegen sind. Bis hierhin gibt es nichts, aber rein gar nichts, was man verehren oder wofür man ihnen Respekt zollen sollte.

Ehre erweise ich den Menschen, die ehrenvoll handeln. Die uneigennützig sich für andere einsetzen. Aufzuopfern wie Mutter Theresa braucht sich aber keiner dafür, es reicht schon völlig ein verantwortungsvolles Reden oder Handeln unter Zurücknahme persönlicher Interessen. Habe ich da etwas übersehen oder wo wäre das beim Bundeskanzler jemals zu verorten gewesen?

Also mir ist immer noch nicht so ganz klar, wie eine Ehrabschneidung von Politikern durch eine Kritik nun entstehen kann. Wir sprechen ja nicht von persönlichen Beleidigungen wie „du Idiot” oder ähnlichem. Und mir ist ebenfalls nach wie vor nicht klar, wofür ich überhaupt einen Bundeskanzler verehren sollte. Ist damit ein Hofknicks gemeint oder gar das flache auf dem Boden Liegen, um meine Unterwürfigkeit als Teil des niederen Gesindes zu bekunden?

Eine Ehre abschneiden kann ich nur einem Menschen, der Ehre besitzt. Von Geburt an besitzt sie aber niemand (Würde ist nicht Ehre), sondern sie erwirbt oder verdient man sich im Laufe des Lebens – oder eben nicht. Was nun? Ich komme nicht weiter in meinen Gedanken zu diesem Thema.

Weltbewegendes

Oha! Mir wurde „unter der Hand” gesagt, dass es schwierig sei, mein Blog irgendwie ernst zu nehmen, wenn ich in einer Welt, die aus den Fugen gerät, es für notwendig erachte, einen Tagebucheintrag zu veröffentlichen, der von der ungeheuren Wichtigkeit berichtet, einen Knopf an mein Hemd anzunähen. Das ist wohl so. Tatsächlich. Im Weltmaßstab wäre es nicht mal vergleichbar mit einem Sandkorn aller Strände dieser Erde, stimmt.

So wird es dennoch erheblich negativ relevant, wenn man mit diesem Hemd unterwegs ist und plötzlich wie in den 1970er Jahren mit weit aufgeknöpftem Hemd die eher spärlich behaarte Brust zur Schau tragen muss. In der Sekunde der Wahrnehmung des textilen Defekts wird der fehlende Knopf zu einem allumfassenden Ärgernis und die später folgende Freude an der Behebung dieses konstruktionsbedingten Fehlers mit Bordmitteln, sie wird zu einem meistens nur ein Mal im Jahr stattfindenden Event der Genugtuung. Dagegen ist der umgefallene Sack Reis in China nichts.

Um die persönliche Relevanz der Dinge zu unterstreichen, teile ich hier und heute mit, dass ich gegenwärtig ziemlich gelangweilt das Ende des gerade stattfindenden Regens abwarte, um anschließend zu Edeka zu gehen, damit ich den schwindenden Vorrat an Kaffee, Käse, Quark und, für die morgige Arbeit, an Bananen wieder aufstocke. Auf diesem Weg werde ich als Nichtraucher (E-Dampfen ist kein Rauchen!) auch dem Tabakladen einen Besuch abstatten, der im Ort nämlich als Postfiliale fungiert, um im Postfach nach möglichen Sendungen Ausschau zu halten – oja, ich besitze ein Schließfach für meine Post dort (kostet nur 20 € pro Jahr), damit wegen der Nachtschichten zu tagschlafender Zeit bei ausgeschalteter Türklingel der elenden Klopferei vorgebeugt wird (Ihre Klingel funktioniert nicht, Sie haben Post).

Zu guter Letzt teile ich dir als interessierte Leserin bzw. als ein ebensolcher Leser meine Gedanken mit, die sich momentan um die Frage drehen, ob es sinnvoll und geboten wäre, anschließend der Bewegung zuliebe ein Stück weit einen Spaziergang auf dem „Voltaire Weg” im hiesigen Wald zu unternehmen. Da befinde ich mich mit dem faulen Inneren Ich, das mich in dem zu Regenschauern neigenden Wetter geschickt und listig an meine Hydrophobie erinnert (igitt, nass), momentan noch in einem Disput, dessen Ausgang ich justamente nicht vorherzusagen vermag.