Heute und morgen finden meine letzten Arbeitsnächte statt. Um wieder in den Nachtmodus zu gelangen, habe ich genau was letzte Nacht gemacht?
Ich habe neue Doku-Soaps entdeckt. Aber ganz andere als bisher. Pro YouTube-Video dreieinhalb Stunden lang nur ernten, zubereiten, kochen, ernten zubereiten, kochen, ernten zubereiten, kochen, ernten zubereiten kochen – nix anneres 🙂 Im Hintergrund spielt Entspannungsmusik. Böse Zungen sprechen hierbei von kitschigem Geklimper, nein, dem widerspreche ich entschieden, denn kitschiges Geklimper halte ich keine 10 Minuten aus, mit den „Ernte-Zubereitungs- und Koch-Videos” habe ich aber 10 Stunden verbracht, und mir ging es seelisch richtig gut dabei. Obacht, Suchtfaktor 10.
Allerdings sind die Aufnahmen auch ohne jede erklärende Sprache; was da also geerntet, zubereitet und gekocht wird, das bleibt für die Zuschauer (für mich sowieso) größtenteils ein Buch mit sieben Siegeln.
Und ja, früher haben alte Leute Heintje gehört und die Schwarzwaldklinik geschaut. Ich habe sie deswegen voller jugendlicher Arroganz ausgelacht. Deshalb macht es mir auch nichts aus, falls du mich wegen der „Ernte-Zubereitungs- und Kochvideos” auslachst. Ich weiß ja aus eigener Erfahrung, wie das zu werten ist 😉
Achja, nach den 10 Stunden habe ich noch nicht herausbekommen, aus welchem asiatischen Land die Doku-Soaps stammen. Ich verstehe die asiatische Sprache nicht, die im Hintergrund oder manchmal nebenher gesprochen wird. Wahrscheinlich ist es ebenfalls Vietnam, denn Google sagt, dass der Name „Lam Anh”, unter dem die Videos firmieren, ein vietnamesischer Name sei. Es könnte landschaftlich, kulturell und kulinarisch aber genauso gut China, Kambodscha, Laos oder Myanmar sein, denke ich, jedenfalls tropisch, bei dem, was da so alles wächst und gedeiht. Vielleicht ist in einem späteren Video irgendwo im Bild mal eine Flagge zu sehen, doch bisher fand die Handlung des Erntens, Zubereitens und Kochens fast ausschließlich in und um einem Haus herum statt.
Die Protagonistin ist ein Mädchen, das (für die Produktion zumindest) mit ihrem Vater und zwei kleinen Kindern sowie zwei Hundewelpen, die im Laufe der Episoden zu tollen Hunden heranwachsen, zusammenlebt und für die sie erntet, zubereitet und kocht. Es ist nur die Spur der Moderne zu erkennen; es gibt weder E-Herd, noch Smartphones, aber ein elektrischer Mixer ist als Zugeständnis an die technische Arbeitserleichterung vorhanden. Zwei stets ausgeschaltete Fernsehapparate aus den 1960er/1970er Jahren erinnern zudem an eine unselige Vergangenheit, in der das Flimmern dieser Geräte im Mittelpunkt des sozialen Gefüges stand. Die Produktion ist deutlich hochwertiger als bei den anderen Doku-Soaps, die ich verlinkt hatte. Perfekt ausgeleuchtet, auf jede Kleinigkeit wurde geachtet, eine ausgewogene Bildsprache ist zu sehen, die aufmerksame Regie verfolgt das Geschehen akribisch und ein gelungener Schnitt fügt alles zu ähnlich detailreichen Bildern zusammen, wie wir es oft auf den Gemälden der alten Meister bestaunen. Die große Überschrift oder die Klammer, die alle Videos umgibt, könnte Harmonie heißen.
So, 7 Uhr ist es, ich gehe jetzt ins Bettchen, damit ich für die vielleicht sogar letzten Dienstnächte meines Lebens fit sein werde. Wobei ich als Aushilfe wahrscheinlich bis ins hohe Rentenalter werde arbeiten müssen. Aber die Rentnerzeit ist noch nicht angebrochen, denn wir wurden ja alle betrogen, nicht wahr? Unser Leben lang hieß es „Rente mit 65”, oops, plötzlich sind daraus 67 Jahre geworden.