Wie bereits am gestrigen Mittwoch bei „Tichy” erwähnt, sagt der Fachmann und Sprachwissenschaftler Jan Henrik Holst, dass sich das zuständige Gremium der Uni Hamburg mit den Ungereimtheiten in Frau Brosius-Gersdorfs Doktorarbeit befassen werde und seiner Meinung nach entsprechende Konsequenzen ziehen wird. Ergänzend füge ich hinzu, dass letztendlich Frau Brosius-Gersdorf selber weiß, was sie getan hat und dass das schlimmste Szenario für sie wäre, wenn sie als Verfassungsrichterin tätig werden würde und ihr dann in dieser Funktion der Doktortitel aberkannt wird. Von daher erkenne ich ihren heutigen Rücktritt von der Kandidatur eher als das rechtzeitige Ziehen der Reißleine.
Nun, darf ich mal ein klein wenig plaudern?
Selber hatte ich Mitte der 1980er Jahre studiert. Von den Kommilitonen weiß ich, dass der Großteil derer, die ich persönlich kannte, und ich kannte fast den gesamten Jahrgang, mindestens zur Hälfte ihre Diplomarbeiten aus anderen Veröffentlichungen zusammengeschustert hatte. Das war damals eine übliche Herangehensweise und man zeigte untereinander sogar voller Stolz die Ergebnisse des eigenen „rationalisierten Arbeitens”. Es wurden Tipps herumgereicht, wie auch Mitstudenten dieses Ziel erreichen konnten, wenn sie noch nicht so versiert mit den nagelneuen elektronischen Medien umgehen konnten – keiner besaß einen Personal Computer (den gab es noch gar nicht), man musste, um an einen IBM-Rechner zu arbeiten, einen vorherigen Termin mit dem zuständigen wissenschaftlichen Mitarbeiter absprechen, in dessen verschlossener Obhut sich die megateuren Geräte befanden, und es gab bereits damals Studenten, die anboten, für wenig Geld diese Arbeiten zu erledigen. Wir nutzten 8-Zoll-Floppy-Disks, die Vor-Vorläufer der 3,5-Zoll-Disketten, für Text-Kopien und zur Speicherung sowie die Software „WordPerfect”, was beides erstmalig komfortabel ganze Textbausteine in- und aneinanderreihen ließ.
Würde rein theoretisch heute jede Abschlussarbeit der 1980er Jahre (beginnend beim Diplom) untersucht werden, es gäbe eine Trefferquote von mindestens 50 % unlauterer Arbeiten. Da gehe ich jede Wette ein. Bei den 50 % honorigen echten Eigenarbeiten dürfte es sich um Schreibmaschinen-Arbeiten derjenigen handeln, die noch nicht fit genug für die damalige elektronische Textverarbeitung gewesen waren. Wohlgemerkt, ich schreibe von Mitte der 80er Jahre; 5 Jahre später sah das Bild schon ganz anders aus und bei den Arbeiten der 90er Jahre würde ich auf eine Betrugsquote von über 80 % tippen.
Was meine eigene Diplomarbeit betrifft? Auch ich hatte sie aus anderen Arbeiten zusammengeschustert aber nicht mehr eingereicht, da ich für meine Zukunft nicht in die Schublade eines Sozialpädagogen gesteckt werden wollte (ich hatte das Studium sowieso nur wegen der vielen – 90 %! – Mädchen gewählt und nicht weil ich irgendetwas mit dem Inhalt zu tun haben wollte. Es hat sich sogar sehr gelohnt, die Erinnerungen sind ein langer Spielfilm süßer bis aufregender Begebenheiten, die mir keiner mehr nehmen kann).
Auch möchte ich sagen, dass die Empörung, mit der dem „Plagiatsjäger Weber” begegnet wird, meines Erachtens nur mit einem Gefühl des Ertappens eigener „Jugendsünden” zu erklären ist, denn man müsste dem Herrn Weber und seinem Team eigentlich sogar dankbar sein, wenn er diese Betrügereien ans Licht bringt. Ich selber sehe heute Menschen, damalige Kommilitonen, von denen ich WEIß, dass sie betrogen hatten, wie sie heute am Ende ihres Berufslebens altersbedingt verknöchert und autoritär voller moralischer Empörung auf den Plagiatsjäger zeigen, gerade so, als verdecke dies ihr eigenes Fehlverhalten, ihren eigenen Betrug. Vergessen hat ihn sicher keiner.
Doppelte Moral? Ja, man will nie so sein, doch am Ende ist sie ein Bestandteil von uns allen. Beim einen mehr, beim anderen weniger. Anfällig dafür sind wir ohne Ausnahme. Wer selbst nach Jahrzehnten erst erwischt wird, sollte nicht aufjaulen wie ein getroffener Hund, sondern die Größe besitzen, die Konsequenzen still zu tragen.