Nicht dass du denkst, der Alte hat sie nicht mehr alle, hat der schon wieder eine neue Uhr? NEIN! Dem ist nicht so.
Vor 2 Wochen hatte ich bekanntlich ein paar neue Funk-Uhrwerke gekauft (sind in China im Sammelpack halt günstiger als einzeln). Damit hatte ich dann die beiden LP-Uhren und die CD-Uhren gebastelt. Nur in der Diele und im Bad hängen jetzt WLAN-Uhren, da dort kein Funkempfang besteht.
Vor allen Dingen hatte ich die Uhren aber deswegen gebastelt, weil ich so etwas noch nie getan hatte. Um Übung damit zu bekommen. Denn am Abend bis in die Nacht hinein (letzte Nacht für dich, wenn du das hier liest) habe ich mich endlich auseinanderbau-technisch an meine allererste Funkuhr gewagt, die Küchenuhr von 1985.
Vor Jahren schrieb ich mal, die Uhr sei Baujahr 1995, doch das stimmte gar nicht, denn ich habe mein Leben neben der Uhr Revue passieren lassen; es war eine der ersten Funkuhren aus Massenproduktion überhaupt. Teuer. Sie stammt aus der Zeit, als die Braun-Wecker angesagt waren. Auch ich hatte mir seinerzeit parallel zur Küchenuhr einen solchen Quartz-Wecker zugelegt. Der Wecker AB1 soll von Ende der 80er Jahre stammen, so wird überall im Internet voneinander abgeschrieben inklusive der KI, das stimmt aber nicht, denn ich hatte ihn als AB3 (Wipp-Schalter oben) bereits 1985 in Geldern gekauft. Kurz danach die Küchen-Funkuhr. Die Braun-Uhr war relativ schnell dahin, die Küchenuhr aber eben nicht.
Jedenfalls wurde jetzt das Herz der Küchenuhr gewissermaßen transplantiert.
Über die tolle Uhr schrieb ich schon vor 25 Jahren in diesem Tagebuch und dann alle 5 bis 8 Jahre wieder, wenn sie mal eine einzige AA-Batterie spendiert bekam. Sie war nämlich dermaßen genügsam mit dem Strom, dass man nicht genau einschätzen konnte, ob eine verbrauchte Batterie nun wegen der Uhr oder ihrer Selbstentladung am Ende war. Die Uhr hat mein Leben in den letzten 40 Jahren begleitet. Sie lebte mit mir in Geldern, Mönchengladbach, Köln, Düsseldorf, Kleve und Bedburg-Hau. Sie ist der letzte Gegenstand, der mich durch die unterschiedlichsten Lebenssituationen begleitet hat. Deshalb – ob ich es will oder nicht – vermenschliche ich diese Uhr. Auch im Wissen, dass so etwas natürlich Quatsch ist; ich glaube, das geschieht jedem Menschen so oder so ähnlich und man kann sich gar nicht dagegen wehren.
So eine alte Uhr animiert zu Erzählungen, nicht wahr? Das musste aber sein, denn es dient als Erklärung, weshalb ich zuerst ein Training brauchte, bevor ich die Operation in Angriff nahm. Die Uhr einfach wegzuwerfen, das kam und kommt nie und nimmer infrage. Definitiv kaputt, sodass sie stehengeblieben wäre, war sie noch nicht, doch in den letzten zwei Jahren wurde ihr Ticken immer lauter. Vor kurzem hatte ich sie mir genauer angesehen: Im Uhrwerk scheppert es regelrecht. Es hört sich an, als ob die Zahnrädchen lose wären und nur noch vom Plastikgehäuse einigermaßen gehalten werden. Aber den einzigen Verschleiß, den ich als Laie feststellen konnte, sieht man auf dem zweiten Foto des rechten Bildes. Da wurde regelrecht eine Schicht Kunststoff durch Reibung abgetragen. Nunja, 40 Jahre ununterbrochen getickt, das sind (ohne Schaltjahre)
60 x 60 x 24 x 365 x 40 = 1.261.440.000
Bewegungen des Sekunden-Zahnrads oder über eine Billion. Eine Zahl, über die sich Friedrich Merz und seine Schulden-Union sicher freuen würden. Wie dem auch sei, das laute und merklich stets lauter werdende Ticken begann mich zu stören.
Die Uhr hat trotz Funktechnik wenig Ähnlichkeit mit den heutigen. Sie ist hochkomplex zusammengesetzt, besitzt echtes (empfindliches) Glas und hat mit etlichen Mini-Schrauben eine Menge Metall verbaut (Aufhängungen für das gewölbte Glas und Ringe, die scheinbar dem Funkempfang dienten). Trotzdem hatte mein Training genutzt, ich habe nichts kaputt gemacht. Das soll schon was heißen. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Herztransplantation ist voll und ganz gelungen. Nun wird die Uhr durch ein chinesisches Uhrwerk angetrieben und ist wieder genauso still wie ein Mäuschen auf gefährlicher Erkundungstour nachts in einer fremden Küche.
