Die 1. Wachtuchtischdecke für den runden Tisch im Küchenerker, die dort seit September ’24 liegt, war mittlerweile wegen der Gebrauchsspuren schlimm unansehnlich geworden. Es handelte sich zwar um eine Wachtuchtischdecke, doch ihre Oberfläche war stoffartig, also nicht glänzend glatt, so wie es üblicherweise bei diesen Tischdecken der Fall ist. Wahrscheinlich war sie deswegen auch besonders anfällig für kleine Beschädigungen, die in ihrer Anzahl am Ende ein verschlissenes Gesamtbild abgaben. Es musste eine neue Tischdecke her.
Jetzt versuche einmal eine runde graue Tischdecke in Leinen-Optik und einem Durchmesser von mindestens 160 Zentimeter zu bekommen. Nirgendwo (!) gibt es sie, immer ist bei 140 Zentimetern Schluss bei der Auswahl. Erst nach tagelangem Suchen fand ich einen Restposten von einer einzigen noch verfügbaren grauen 160er Tischdecke. Ihr farbliches Aussehen ist identisch mit der alten Tischdecke, aber sie ist glatt und eben typisch etwas spiegelnd. Übrigens bei „Kaufland” gab es diesen Restposten.
Sie muss aber jahrelang dort gefaltet auf Lager gelegen haben, denn ihre Knicke waren wirklich hartnäckig. Sogar mit einem Fön bekam ich sie nicht raus. „Bügeleisen” heißt es überall im Internet dazu. Etliche YouTube-Videos zeigen, wie kinderleicht angeblich diese Knicke ausgebügelt werden können. Tja, im ganzen Leben habe ich noch nie ein Bügeleisen besessen. Wenn ich in den seltensten Fällen mal eines brauchte, lieh ich’s mir. Damit sollte aber auch irgendwann einmal Schluss sein, nicht wahr? Ein richtiger Mann besitzt auch ein Bügeleisen.
Konsumtechnisch befand ich mich auf den Stand der 1970er Jahre, was Bügeleisen betrifft, dachte daher, so ein Teil würde locker 50 Euro kosten. Überrascht haben mich dann die Preise heutzutage: Nur 8 bis 15 Euro für ein Dampfbügeleisen mit den besten Rezensionen bei Amazon. Wieder China-Technik sei Dank. Okay, seit gestern bin ich nun stolzer Besitzer eines Dampfbügeleisens.
In der letzten Nacht habe ich dann versucht die Knicke auszubügeln.
1. Alle Ratgeber stimmen nicht ganz, denn man soll das Eisen auf die minimalste Stufe einstellen und so die umgedrehte Decke glatt bügeln – umdrehen ist richtig, da sonst der Kunststoff schnell kaputt geht, das mit der Temperatur stimmt aber nicht. Nur warm tat sich bei mir nichts. Niente. Ob mit feuchtem Tuch oder ohne, die Knicke waren so hartnäckig, ich hätte sogar stundenlang das Bügeleisen auf einen Knick stehenlassen können, der Knick wäre umgehend wieder da gewesen.
2. Auf der höchsten Stufe allerdings, so heiß, dass man sich die Finger selbst bei einer sekundenkurzen Berührung am Eisen augenblicklich verbrannt hätte, zeigten die Knicke sehr langsam eine Veränderung. Fast zwei Stunden lang habe ich in Zeitlupe in dieser Art bügeln müssen, damit die Knicke jetzt zu 95 % entfernt sind. Jedes Mal, wenn der ausgebügelte Knick abkühlte, erschien er wieder. Zwar jedes Mal auch etwas weniger bzw. kleiner aber es hat etliche Male eine Bügelwiederholung bedurft. Der runterhängende Rand, den du auf dem Foto siehst (aufs Eingangsbild klicken = größer), setzt/legt sich noch mit der Zeit; das war bei der alten Tischdecke auch so. Also ganz so einfach, so fluffig leicht und locker von der Hand wie in den Videos, funktioniert das Knicke-Ausbügeln dann doch nicht. Aber mit Geduld und genug Zeit geht es.
Hm. Dachte, ich sei der letzte Mensch mit noch einem Bügeleisen.
Dein Erfahrungsbericht lässt mich hoffen. Ich habe ein Lieblingsjackett, aus dem noch nach der Wäsche einige Lagerfalten nicht verschwunden sind. Natürlich ist das auch eine Materialmischung mit etwas Plastik drin, das Zeuch ist einfach hartnäckig.
Werde einen Feldversuch starten.
Heute, knapp 10 Stunden nach Beendigung des Bügelmarathons, habe ich mit abgrundtiefem Entsetzen schier fassungslos festgestellt, dass die Knicke sich wieder zurückgebildet haben – zwar nur leicht, doch je nach Lichteinfall mehr oder weniger deutlich sichtbar. Meine Güte, was besitzt der Kunststoff für ein sagenhaftes Erinnerungsvermögen quasi auf atomarer Ebene. Nun weiß man ja nicht, wie viele Jahre oder gar Jahrzehnte die Tischdecke im gefalteten Zustand ausgeharrt hatte, womöglich noch mit allerhand Gewicht ebensolcher gefalteter Kolleginnen und Kollegen beladen. Das muss ich ihr heute erneut ausbügeln. Gesprächstherapie und mildes Streicheln helfen da nicht weiter, es steht ihr also eine abermalige Hitzeschockanwendung bevor. Mal schaun, wer hier den längeren Atem hat.
Dann wünsche ich dir bei deinem Vorhaben viel Geduld und gutes Gelingen. Erinnerungskultur hin, Erinnerungskultur her. Das dickköpfige Verharren auf ihren faltigen Zustand hat keine Zukunft, das muss man diesen synthetischen Stoffen anscheindend immer wieder konsequent und autoritär klarmachen, bis sie’s sich ein für allemal gemerkt haben 😉
Fällt mir noch ein.
Hatte mal eine Wachstuchdecke für den Gartentisch gekauft, die keine Falten schlägt. Vermute jetzt mal aufgrund anekdotischer Evidenz, dass die Sommersonne das vollbracht hat.
Autoritäres Auftreten, das merke ich mir.
Jetzt wurde sie noch mal mit Hitzeschocks traktiert. Ob mit Erfolg oder eher weniger, das wird sich morgen im Tageslicht zeigen. Solche Wachstuchtischdecken gehören eigentlich gerollt – nur sag das mal den Chinesen, wenn sie so viel wie möglich in ihre Kartons packen. Sonnenlicht (pralle Sommersonne) könnte aber tatsächlich helfen. Habe jüngst auch so etwas gelesen.