Kennst du so etwas auch? Eine ganz bestimmte Atmosphäre draußen im Freien, die zu einer bestimmten Tageszeit schrecklich aufs Gemüt drückt? Das ist bei mir der kalte Vormittag, nachdem es tagelang ohne Unterlass schon neblig trüb gewesen war und die Sonne es mit keinem Strahl auch nur einen Augenblick durchs dichte Grau schafft. Die Akustik ist sogar einzigartig. Klänge und Geräusche, vom Gurren der Tauben bis zum Zwitschern der Vögel, vom Brummen entfernter Motoren bis hin zum allgegenwärtigen Hintergrundrauschen eines geschäftigen Werktages. Man könnte sie sogar als nasskalte Töne bezeichnen, sie rufen einen im Zusammenspiel mit der trüben Optik des grauen Vormittags geradezu zurück ins Bett oder sie hindern einen daran, überhaupt erst die Augen zu öffnen. Und doch zwingen die Verpflichtungen die meisten Leute ja schon morgens hinaus in diese unwirtliche Welt. Dass in den Sphären einer solch äußerst unlieblichen Natur die Leute überwiegend ihre schlechte Laune zur Schau stellen und ansonsten die Köpfe tief zwischen den Schultern einziehen, um möglichst unberührt durch die gar garstige Wirklichkeit zu hasten, wundert wohl keinen.
Ab Mittag ist es dann vorbei. Wer es bis Mittag geschafft hat, durch seinen Aufenthalt in Gebäuden sich in jenen Räumen zu bewegen, die durch ein intelligentes Umweltmanagement wie Heizungen, Hintergrundmusik oder bunte und stofflich warme Gegenstände der nasskalten trüben Realität quasi ein kokonartiges Gespinst wohlig warmer Larvenbrut entgegensetzt, der kann sich für den Rest des Tages wie ein frisch geschlüpftes junges Lebewesen strecken und seine bunten Flügen schwingen, denn ein Nachmittag gewinnt sogar in aller Tristesse jene Behaglichkeit wieder, die der Vorfreude auf den Feierabend innewohnt.
Jawohl. So ist das.
Liebe Georg,
ich hatte mir vorgenommen, den gesamten Januar lang, jeden Tag ein Gedicht zu schreiben. Mal sind es nur die kleinen Elfchen, mal sind es ein paar Spinnereien. Und heute hat dein Eintrag mich zu einem kleinen Text inspiriert.
Kein Sonnenstrahl dringt durch das Grau
an diesen tristen Tagen.
Kein einziger froher Ton erklingt,
man hört nur Jammern und Klagen.
Der Mensch zieht in sein Schneckenhaus
Schutz suchend sich zurück.
Und muss er in die Stadt hinaus,
so senkt er seinen Blick.
Zieht Schultern hoch und Mantelkragen
Den Kopf, den zieht er ein.
Und hasst es, auf den nassen Straßen
misslaunig unterwegs zu sein.
Mag lieber auf dem Sofa sitzen
mit einer Tasse Tee
und sich am Kachelofen wärmen.
Ach, Wintergrau, vergeh!
Wie wunderbar – selbst in der Tristesse. Eine Seelenverwandtschaft!