Ein gutes Omen

Gemütlich im Bett liegend wollte ich während des Dämmerschlafs nur mal schnell die Spielzeit des Radios um 15 Minuten per Sleeptaste verlängern und griff im Dunklen und sowieso mit fast geschlossenen Augen nach der Fernbedienung, die direkt neben mir auf dem Eckstück des Boxenregals lag, das als Nachttischchen dient. Dabei bekam ich sie mit dem Daumen und dem kleinen Finger dermaßen schlecht zu fassen, dass sie mir sofort aus den Fingern glitt und mit einem überraschend langen Geräusch eines Schrammens (etwa so, als würdest du mit dem Kunststoffstoßfänger eines Autos entlang einer Garagenwand schrammen, nur halt leiser) hinter der Boxenregalwand verschwand.

Oha, wie ungeschickt! Ich stieg aus dem Bett, bückte mich, wollte die Fernbedienung hinter der Box von der Seite her greifen – allein sie war nicht da. Wie das?

Damit war die Nacht vorbei, ich stand auf, reckte mich, schaltete das Licht an, blickte von oben hinter das Boxen-Nachttischchen und sah – nichts. Die Boxen stehen zu dicht an der Wand, um etwas hinter ihnen auszumachen. Her mit der Taschenlampe. Mit ihrer Hilfe erkannte ich zwar, dass die Fernbedienung nicht im Nachttischbereich lag. Ebenso konnte ich zwischen den Füßen der gesamten Boxenregalwand entlang erkennen, dass sie nirgends dort auf dem Boden lag, doch wo sie sich befand, das sah ich nicht.

Das Schicksal führte einen Zaubertrick des Verschwindenlassens von Dingen auf. Erstaunlich. „Okay, Schicksal, du hattest deine Vorstellung”, sagte ich, während meine Hände innerlich anstandshalber applaudierten, „ich bin beeindruckt, aber nu‘ lass sie wieder zum Vorschein kommen”. Magier sind bekanntlich oft Persönlichkeiten mit einem ungeheuren, um nicht zu sagen, mit einem maßlos übersteigerten Selbstwertgefühl, das durchaus in die Nähe der Arroganz reicht, und so schien es auch um mein Schicksal bestellt zu sein, denn es hielt es nicht einmal für nötig, auch nur mit einem Wort auf meine Bitte einzugehen.

Nun ist es so, dass man die Boxenwand nicht mehr als Ganzes verschieben kann, da ich sie nach ihrer Errichtung mit Klebe-Anker fest an die Wand montiert hatte. Diese Anker haften dermaßen fest, dass grobe Gewalt sie höchstens samt anhängender Tapete oder abgerissener Boxen-Rückwände von der Wand reißen könnte. Kaputt geht immer, selbst der stärkste Atombunker ist nicht für die Ewigkeit gebaut, doch zerstören wollte ich die Boxenregalwand schließlich nicht, steht sie dort doch erst seit kurzem an ihrem Platz. Was also tun?

Nochmal zusammengefasst: Von der Seite sah man nichts. Von unten war zu erkennen, dass die Fernbedienung nicht auf dem Boden lag. Rütteln an der Regalwand führte ebenfalls zu keinem Ergebnis. Die Fernbedienung war definitiv fortgezaubert worden. War ich ein Opfer böser schwarzer Magie?

Für einen Besenstiel, mit dessen Hilfe ich von der Seite eventuell ins Nichts herumstochern hätte können, steht das Boxenregal zu dicht an der Wand. Der Spalt reicht ja nicht mal, um mit einem Auge eine Sichtachse herzustellen, dafür ist das Auge zu weit von der Schädeldecke entfernt oder der Kopf zu dick, je nach Ausdrucksweise.

Die weibliche Spionagetechnik half!

Ich holte „Mata Hari” aus der Küche, das Smartphone. Es konnte hinter die Boxenwand schauen. Mit seiner/ihrer Hilfe erkannte ich die Position der Fernbedienung, die ich niemals dort vermutet hätte. Auf dem nebenstehenden Bild (klick drauf = Großansicht) ist ihr langer Weg und ihre Lage durch die rote Markierung dargestellt. Die Fernbedienung ist also schräg nach unten weggerutscht (ich glaube, entlang eines anfangs in diese Richtung verlaufenden Stromkabels) und wurde erst von den Kabelbindern eines Eckverbindungsstücks aufgehalten, die den Weg der Fernbedienung quasi kreuzten und mit denen die Eckverbindungsstücke (ich kenne deren korrekte Bezeichnung nicht), die ihrerseits je 4 Boxen in ihren Positionen halten, zusätzlich gesichert werden. Also ein weit gespanntes Verkehrswegenetz mit umfangreichen Vorfahrtsregeln sozusagen.

Jedenfalls konnte ich daraufhin mit ein wenig „Knoffhoff” in Form eines auseinandergebogenen Kleiderbügels aus Draht von unten um die Ecke hoch stochern und somit die festgehaltene Fernbedienung befreien, die sodann zu Boden fiel.

Die Nacht bzw. der Schlaf war allerdings definitiv zu Ende. Damit so etwas nicht wieder passiert, hatte ich sogleich den engen Spalt zur Wand auf der „Nachttisch-Box” noch mit einer selbstklebenden Eckleiste, die als Rest irgendwo herumlag (nie Reste wegwerfen!), einigermaßen geschlossen. Lässt sich auf dem 2. Bild trotz Vergrößerung durch Draufklicken leider schlecht erkennen.

Ist das alles nun wichtig fürs Tagebuch? Naja, am heutigen Montag beabsichtige ich für meinen Nachbarn eine Küchenspüle zusammenzubauen und die Leitungen samt eines neuen Untertischgeräts anzuschließen. Je nach Sichtweise könnte man die vorherigen Ereignisse der Nacht nun als böses Omen ansehen oder, da am Ende alles gut ausgegangen war, als ein positives Vorzeichen betrachten. Charakterlich neige ich deutlich zur zweiten Interpretation. Denn durch diese Erfahrung wurde ich nochmal daran erinnert, dass selbst ein arrogantes Schicksal kaum mit Magie als vielmehr oft mit billigen Tricks vorgeht, denen ein wenig eigene Überlegungen und fremde Hilfestellung jeden vermeintlich bösen Zauber zu nehmen in der Lage sind. Wohlan denn, heute werde ich zu einem frohgelaunten Klempner.