Etwas vom Geheimnis des Christentums

Immer öfter lese ich bei Rika Sätze, bei denen ich denke, sie hat ein Fenster zu meiner Seele geöffnet und beschreibt, was dort zu sehen ist: „Es hat mich heimatlos gemacht, mir die ideelle Welt meiner ‚inneren Heimat‘ geraubt, in der liegen nur noch Bruchstücke der Ideale von einer Welt des Friedens herum […]”, sagt sie zum Umgang viel zu vieler Deutscher und Europäer mit Israel und mit dem Judentum. Das sehe ich ähnlich. Und doch steht für mich dabei weniger Israel im Fokus meiner Aufmerksamkeit als vielmehr Osteuropa, ja, besonders auch das geliebte Russland. Die hysterische Sichtweise großer Teile der deutschen Bevölkerung auf Israel und Russland ist ziemlich ähnlich.

Die spirituellen Handlungen in einer Synagoge sind den meisten Westeuropäern genauso fremd wie die in der russisch orthodoxen Kirche. Gerade jene der letzteren fand ich schon von Kindesbeinen an faszinierend. Die tiefe persönliche Hingabe der Gläubigen ist eines der Dinge, die den westlichen Gesellschaften fehlt. Das sage ich als ein Agnostiker und in jungen Jahren bereits aus der katholischen Kirche ausgetretener Zeitgenosse. Die individuelle Spiritualität ist das Gegenteil von öffentlichen Massengebeten, die letztlich nur als Kontrolle über den Nächsten dienen, damit die Gemeinschaft der Gläubigen sich gegenseitig in ihrer Unterwerfungshaltung (unter wen auch immer) begutachtet. Und was die beiden großen Kirchen in Deutschland betrifft, die zu Vorfeldorganisationen linker Politik degeneriert sind, darüber brauche ich sicher kein weiteres Wort zu verlieren. Haltung oder die Sehnsucht nach einer „besseren Welt” hat mit Glaube und persönlicher Erlösung rein gar nichts mehr zu tun.

Das Festhalten an jahrhundert- oder jahrtausendealte Traditionen erscheint uns als vermeintlich aufgeklärte Menschen fremd und rückständig. Oft wird es sogar missverstanden als eine Art Gleichschaltung dieser Gemeinschaften, dabei sind gerade sie die vielfältigsten und differenziertesten überhaupt. Zwei Juden, drei Meinungen, so wird humorvoll die Zerstrittenheit und Diskutierfreude der in sich gestärkten Persönlichkeiten beschrieben. Ein ähnliches Bild zeigt sich in Russland: Eine vergleichbare kulturelle Vielfalt unter dem gemeinsamen Dach der orthodoxen Kirche gibt es wohl nur selten auf der Welt. Für beide Gesellschaften bedeutet die Religion ihre Familie. Wenn die Familie bedroht ist, treten zu ihrem Schutz alle Differenzen in den Hintergrund.

Israel ist ein so winziges Land wie das Bundesland Hessen, Russland hingegen ist das größte Land der Welt. Die flächenmäßige Größe spielt aber seltsamerweise gar keine Rolle, wenn es darum geht, den Bewohnern dieser Länder Schlechtes an den Hals zu wünschen. Was ist es dann, das die Leute hierzulande beinahe pogrommäßig auf die Straßen treibt, um gegen diese Länder zu wüten?

Es ist die persönliche mentale Stärke ihrer Bewohner im gleichzeitigen Gefühl der Zusammengehörigkeit, das letztlich von schwachen orientierungslosen Menschen unbewusst beneidet wird. Und es ist die gemeinsame Identität bei größtmöglicher Verschiedenheit. Es sind also genau jene bunten Gesellschaften, nach denen sich die nach Buntheit rufenden Leute so sehr sehnen, die aber in ihrem Bestreben, dorthin zu gelangen, das eigene Verhalten in den Gleichschritt zwingen.

Buntheit, die Verschiedenheit des Lebens innerhalb einer Gemeinschaft, sie kann nur von starken Persönlichkeiten gelebt werden, von Leuten, die sich ihrer selbst innerhalb einer Gemeinschaft bewusst sind, und die diese Gemeinschaft wie eine Familie als spirituellen Rückzugsort und als Kraft-Oase begreifen. Alleingelassene Menschen hingegen, heimatlose, die auf Predigten des Teufels hereinfallen, die fortan statt der Liebe, den Hass auf Andere anbeten, sie sind wie verlorene Samen im Wind, die für den Rest ihres Daseins keine fruchtbare Erde, kein Zuhause mehr finden.

Das könnte ich noch umfangreicher beschreiben, erklären was und wie genau ich es meine, aber es wäre vergebliche Mühe (und würde sowieso nicht mehr gelesen werden), denn entweder du erkennst dich in der Welt oder du bist in ihr verloren. Den Weg zu deiner seelischen Heimat wirst du nicht mit geschlossenen Augen finden, er wird sichtbar, sobald du sie öffnest. Und genau so, als Trost vielleicht, doch als Gewissheit ganz sicher, endet auch der eingangs erwähnte Satz von Rika: „Ich müsste sie aufsammeln … neu zusammenfügen …” Ja, so ist es, so geht es mir ebenfalls. Und immer wieder neu ohne Unterlass: Ein ewiges Puzzle, das Bild vor Augen, die Wege oft verworren, doch unverzagt gegangen, sogar froh und im Wissen um Erlösung.