Neues deutsches Bildungsbürgertum?

Heute las ich einen Leserbrief, also es war ein ernst gemeinter Kommentar in einer Online-Zeitung, der einem glatt die Schuhe auszieht. Sinngemäß schrieb jemand folgendes: „Wenn man mal in den Städten des Irans spazieren geht, was man per Google-Street-View problemlos machen kann und ich regelmäßig mache, dann erkennt man, dass ganz viele Frauen ohne Kopftuch herumlaufen“. Inhaltlich sagte der Kommentator weiterhin, es sei gar nicht so schlimm unter den Mullahs im Alltag.

Wirken lassen bitte.

Da fasst du dir doch einfach nur noch an den Kopf. Gleich auf mehreren Ebenen zeigt dieser Leserkommentar, wie infantil, unwissend – wie bescheuert – heute die „Social-Media-Menschen“ sind. Wozu Reisen, wozu Land und Leute kennenlernen, wenn doch Google die Welt ins Wohnzimmer bringt? Problematisch nur, wenn bei der Ermordung von ca. 40.000 unschuldiger Menschen allein im Januar keine Google-Kamera darauf gerichtet war. War also gar nicht so, denn „ich habe jedenfalls nichts vor Ort davon gesehen.“

Was tut man mit solchen Kommentatoren? Das muss ihnen doch selber wehtun. Ich meine, darf man ihnen sagen, wie abgrundtief dumm und dämlich sie sind? Oder kriegt man dann die Staatsanwaltschaft auf den Hals gehetzt, weil man deren Gefühle verletzt hat? Solche Leute dürfen wählen, das musst du dir mal vorstellen, sie bestimmen mit über unser aller Schicksal!

Es ist mir schon klar, dass unser KI-Fernsehen im Grunde nichts anderes macht. Aber wenn ich mit getürkten Bildern und Fakten betrüge, beinhaltet das immer noch eine gewisse Schlauheit. Bei aller Verwerflichkeit für ihr Tun, die Weltsicht-Bestätigungs-Medien sind nicht dumm – dieser Kommentator ist aber überzeugt davon, klug, gebildet und „weit gereist“ zu sein.

Was ist schlimmer? Grottenschwarze Idiotie oder politische Propaganda?

Jaja, auch Karl May war nie in den USA und hat trotzdem die wunderbarsten Indianer-Geschichten erzählt. Er war der Relotius Nummer Eins der jüngeren Vergangenheit – aber er schrieb Unterhaltungsromane.

Google Street-View-User – das neue deutsche Bildungsbürgertum? O mein Gott, ich habe fertig für heute.

„Merz an die Front!”

Na, wenn das nicht lustig ist: In der Hochzeit von „Fridays for Future” wurden das Schulschwänzen und die Demos medial noch als Verantwortungsbewusstsein der jungen Generation gefeiert. Die Politik freute sich, denn die jungen Leute unterstützten perfekt die Ziele des Umbaus der Gesellschaft hin zur grünen Wende auf gleich allen Politikfeldern. Wir erinnern uns noch gut daran, und nicht wenige applaudierten der FFF-Gemeinde.

Heute demonstrieren dieselben Leute desselben Milieus erneut, aber dieses Mal gegen die Wehrpflicht. Jetzt bekommen Politik und Medien förmlich Schnappatmung der Empörung. Verantwortungslos seien diese Demos. Es werden Konsequenzen fürs Schulschwänzen angedroht und statt Applaus, hagelt es medial nur so von schlimmen Vorwürfen.

Natürlich kann man zur Wehrpflicht, zur Bundeswehr allgemein oder zu Krieg und Frieden ganz unterschiedlicher Meinung sein, wie man übrigens auch zum Thema „Klima” unterschiedlicher Meinung sein kann, doch darum geht es jetzt nicht. Bemerkenswert ist heute allein die um 180 Grad gedrehte öffentliche Wahrnehmung derselben jungen links-grün-woken Leute: Wenn ihre Demos der Ideologie von Politik und Medien nutzen, werden sie moralisch überhöht und hofiert, wenn sie ihr aber widersprechen, sind sie schädlich und es wird geschimpft und draufgehauen.

So wie diese Doppelmoral nun öffentlich zutage tritt, also ′tschuldigung, da kann ich mir das Grinsen nicht verkneifen. Zumal Plakate mit der Aufschrift „Merz an die Front” absolut zutreffend sind, denn alle Trommler für „Darum auf! Zu den Waffen!” sollten gefälligst in der ersten Reihe marschieren.