Gleich ist’s 11 Uhr, so gegen 12 oder 13 Uhr werde ich ins Bettchen gehen. Ja, da staunst du, nicht wahr? Jetzt könnte ich natürlich sagen, das kommt von über 30-jähriger Nachtarbeit, stimmt aber nicht, denn die Nachtarbeit hatte ich von Anfang an gewählt, weil ich auch schon früher überwiegend nachts topfit war. Außerdem: Was, um alles in der Welt, sollte ich an verregneten, kalten und lärmenden Tagen denn vermissen? Vorhin war ich zwei Stunden draußen unterwegs, meine Güte, es waren nur schlecht gelaunte Menschen zu sehen. Und das war kein subjektiver Eindruck. Ich hätte Fotos von den Gesichtern gemacht, wenn das nicht verboten wäre, bei deren Anblick auch du augenblicklich den Kaffee aus gehabt hättest.
Überhaupt: Ist dir schon mal aufgefallen, dass Leute allgemein nicht mehr grüßen, wenn du ihnen begegnest? Das habe ich mein Leben lang getan, ist richtig in Fleisch und Blut übergegangen. Eine kurze Erwiderung auf einen „guten Morgen” oder „guten Tag”, ja, selbst ein „Hallo”, und der Tag wäre gleich viel freundlicher. Aber nichts, manche gucken einen sogar nur erstaunt an, die meisten Gesichter aber schauen um so grimmiger.
Naja, mein heutiges Geschwätz könntest du auch als typisch Alte-Leute-Gerede bezeichnen. Ich glaube, in meiner Jugend haben die Älteren ähnlich über die Jungen gesprochen. Allerdings meine ich gar nicht junge Leute, denn die trifft man morgens draußen eh kaum an, sondern ich meine mit den grußlosen unfreundlichen Zeitgenossen eben jene älteren Menschen meines Alters.
Um jetzt nicht vollends dem Gesabber zu verfallen, belasse ich’s mal bei diesem Anriss aus meiner hochintellektuellen psycho-soziologischen Studie zum Thema „Wechselwirkungen der klimatisch bedingten Freudlosigkeit mit den pädagogischen Versäumnissen der in den 1960er und 1970er Jahren aufgewachsenen Jugend”.
In diesem Sinne zeige dem Wetter mal die lange Nase und begegne der Welt in all der Herrlichkeit deines freundlichen Wesens. Schon gehört der Tag dir.
Hier in Ungarn ist das völlig normal. Du kannst nicht schweigend zweihundert Meter gehen. Es begegnet Dir immer jemand und man grüßt sich, ob man sich richtig kennt, vom sehen kennt oder ob völlig unbekannt. Und das unabhängig von der Altersklasse. Auch Kinder und Jugendliche tun das, weil es ihnen von klein an mit auf den Weg gegeben wurde.
Weit verbreitet ist Damen gegenüber (in der Regel solchen, die älter sind) auch der Gruß „Kezét csókolom“, was „Küss die Hand“ bedeutet. Kinder verwenden sehr oft die Form „csókolom“, wenn sie Erwachsene grüßen. Völlig normal.
Insgesamt vermittelt das ein angenehmes Gefühl, weil es Ausdruck einer gewissen Höflichkeit ist.
Tja, DUUU hast leicht reden, du lebst ja definitiv in einem glücklicheren Land mit höflichen Leuten. DAS ist dann eine echte, reale, wirkliche, anfassbare, anfühlbare, jeden Tag aufs Neue sichtbare Wirklichkeit einer funktionierenden Zeitmaschine. Denn, du erinnerst dich, so war es in Deutschland auch einmal. Verstehe ich das richtig, ein „Kezét csókolom”, also das „Küss die Hand” (fehlt eigentlich nur noch ein „gnäd’ge Frau” o.ä.), ist das übriggebliebene österreichische kulturelle Erbe sozusagen?