Sofia Taxidis hat mal wieder einen rausgehauen (poitiv gemeint): „Die Kreditbetrüger” betitelt sie ihren aktuellen Artikel, der sich mit den vom alten Parlament beschlossenen gigantischen Schulden befasst. Wie gewohnt schreibt sie in deutlichen unmissverständlichen Worten und benennt den Betrug beim Namen aber nicht „als alberne Empörungsformel, sondern als treffende politische Diagnose. Denn hier wurde ein gigantischer Kredit unter einem bestimmten Zweck verkauft, obwohl sich nun herausstellt, dass der Großteil des Geldes gerade nicht zusätzlich dort ankam, wo er angeblich hin sollte.” Wieder ein lesenswerter Artikel dieser klugen Ausnahmejournalistin.
Dabei, so möchte ich gerne ergänzen oder erweitern, sollte keiner annehmen, die Bürger seien schlicht zu dumm, dass sie zwar auf diesen Schwindel hereingefallen sind, aber anschließend nicht gemerkt hätten, was ihnen da widerfuhr, nein, jeder hatte genau gewusst, dass die Schulden jetzt fürs Stopfen von allen möglichen Haushaltslöchern benutzt werden würde. Ich kann nur von meinem persönlichen Umfeld berichten, quasi in anekdotischer Evidenz. Seinerzeit hatten alle (ich betone alle) Leute gesagt, das Geld werde natürlich zweckentfremdet, doch sie hatten ebenso gesagt, dass „man” als Bürger direkt nach der Wahl nun mal daran nichts mehr ändern könne. Es ist die Ohnmacht der kleinen Leute gegenüber einem übergriffigen betrügerischen Staat, die ab einem bestimmten Punkt einen Politikwechsel verhindert. Und das erkläre ich wie folgt (4 Gedanken):

1. Zumindest in Westdeutschland besitzt der größte Teil der Bevölkerung noch entweder finanzielle Reserven oder aber ihr Einkommen reicht gerade so aus, um ihre Familien durch die Zeit zu bringen. Niemand möchte es dadurch gefährden, indem er eine Politik wählt, die bisher keiner kennt und somit nicht voraussehen kann, ob mit ihr die eigene Lage eventuell sogar schlimmer wird. Alle sehen, dass Leute, die der Regierung widersprechen, oft mit Kontokündigungen bestraft werden. Das würde für sie das absolute wirtschaftliche Ende bedeuten. Kredite könnten nicht mehr bedient werden, Familien fielen in die Armut, das gesellschaftliche Aus stünde vor der Tür. Lieber bleibt man still, duckt sich und hofft, dass der Sturm möglichst schadlos über einen hinwegzieht. Dieses Verhalten ist absolut verständlich, denn diese Leute übernehmen Verantwortung für ihre Familien. Ein Mitläufertum wird immerzu als negativ betrachtet, ist es aber gar nicht zwingend, denn es kann schlicht und ergreifend die Wahrnehmung der Verantwortung Schwächeren gegenüber bedeuten. Wer nichts zu verlieren hat, klettert leicht auf die Barrikaden, wer aber seine Familie zu beschützen hat, muss Kompromisse eingehen, muss in der Masse der Herde bleiben, da nur innerhalb der Herde ein Überleben möglich ist.

2. Der Öffentliche Dienst ist Deutschlands größter Arbeitgeber. Rechnet man noch die Einkünfte aus öffentlichen Geldern von sämtlichen anderen Arbeitgebern, den „NGOs”, Instituten, beauftragten Sub-Unternehmen oder aus selbstständiger Arbeit hinzu, dann auch noch die Einkünfte der Angestellten aus halböffentlichem Geld, wie der Krankenkassen, der KI-Medien, der Bahn, Telekom und so weiter, dann würde ich schätzen (wohlgemerkt nur geschätzt), dass gut die Hälfte aller Einkünfte direkt oder indirekt aus öffentlichem Geld besteht. Diese Masse an Arbeitnehmern riskiert doch nicht das eigene Einkommen damit, dass sie eine Politik wählt, die gerade in diesem Bereich einen radikalen Stellenabbau fordert. Niemand sägt den Ast ab, auf dem er selber sitzt. Das aus diesem Verhalten resultierende Stillhalten jener Leute, kann natürlich als opportunistisch verstanden werden – aber wieder sollte man sich in die persönlichen Situationen der Menschen hineinversetzen, um aus ihrer Sicht ihr Stillhalten zu betrachten – dann wird oft aus Opportunismus Verantwortung für die Familien.

3. Dass Rentner und Bürgergeldempfänger (wie ich selber in Zukunft wahrscheinlich auch einer sein werde) oder Alleinerziehende keine Politik wählen, die offen ankündigt, größtmögliche Kürzungen in diesen Bereichen vorzunehmen, das lässt sich selbstverständlich auch als egoistisch und folglich als negativ bewerten, doch auf der anderen Seite ist die Bewahrung eines Status Quo ein ganz normales und vernünftiges ökonomisches Ansinnen. Wir leben in einem Land, für das niemand seine Kinder oder Enkel in den Krieg schicken würde – wieso sollten dann Bürger zum Wohle einer imaginären Wirtschaft sich für den Rest ihres irdischen Daseins freiwillig in eine noch tiefere Armut begeben?

4. Das Ideelle, der Verlust von Freiheiten in der Öffentlichkeit, ist deshalb nicht wahlentscheidend, da die meisten Leute sich sowieso bereits aus der Öffentlichkeit ins Private zurückgezogen haben. Daran ist nicht allein die verfehlte Immigrationspolitik Schuld, denn die Veränderung der Gesellschaft begann schon lange vorher. Kneipensterben, Verwahrlosung der Innenstädte, Internethandel – all das fing bereits Mitte/Ende der 1990er Jahre an. Zuerst kaum sichtbar, so schlich es sich unbemerkt immer weiter fort, bis es heute eben nicht mehr zu übersehen ist. Der freigewordene Platz in der Öffentlichkeit wurde ab 2015 nur von anderen Menschen eingenommen, allein deshalb ist der Wandel heute so auffallend sichtbar geworden. Trotz aller Vorteile ist dieser Rückzug ins Private auch von den Sozialen Medien verschuldet worden. Ein analoges Miteinander ist heute nicht mehr in der Menge oder in der Intensität sozial-psychologisch notwendig wie noch vor 20 Jahren.
Wahrscheinlich gibt es noch andere Gründe, die erklären, weshalb in der Bevölkerung kein echter Aufbruchswille in eine ungewisse Zukunft existiert. So lange die wirtschaftliche Existenz der Leute noch nicht gänzlich zerstört ist, so lange wird an dem, was man hat, mit aller Kraft festgehalten. Natürlich wissen die Leute, dass sie von der Politik betrogen werden – sie wählen die Betrüger aber trotzdem, weil sie glauben, dass sie in ihrem persönlichen Leben von ihnen verschont bleiben. Sie lassen den Betrug durchgehen in der Hoffnung, dass sich die Betrüger damit begnügen. Das Heute ist ihnen dabei wichtiger, um die Verantwortung für ihre Lieben noch wahrnehmen zu können. Dafür würden sie fast ihr letztes Hemd opfern.
Dass eine solche Einstellung nicht gut ausgehen wird, ist eine ganz andere Geschichte. Das ahnen die Leute sowieso genauso. Nur sie haben keine wirkliche Wahl, das ist das Problem. Die Bürger deshalb als dumm zu verstehen, wäre aber viel zu kurz gegriffen, denn die Schwarmintelligenz führt meistens sogar zu völlig überraschenden Ergebnissen, die sich heute keiner vorstellen kann.