Ich bin schockiert! Ist übertrieben, sagen wir mal bass erstaunt. Auf der Suche nach ein paar interessanten Weblogs für die oben unter dem Header zu findende Linkliste, klapperte ich zuerst die Blogs ab, die ich kannte und regelmäßig besuchte. Dann nahm ich mir ein paar andere Linklisten vor, u.a. auch von Lila („Letters from Rungholt”). Nun weiß ich zwar, dass sie ihr Weblog aus Zeitmangel schon seit einer geraumen Weile nicht mehr pflegt, doch genau wie bei etlichen anderen Linklisten sind geschätzt 90 Prozent der Weblogs mittlerweile unerreichbar (übrigens inklusive meines eigenen, da steht auch noch der Uralt-Link von 2012, der ins Nirwana führt). Vor Jahren gab es eine hohe zweistellige Zahl von Weblogs aus oder rund um Israel. Wenn es nicht sogar über 100 waren. Fast alle sind verschwunden. Insgesamt fand ich noch ganze 7. Woran liegt das, warum sind so viele Blogs verschwunden? Wohlgemerkt ist hier die Rede von deutschsprachigen und privaten Weblogs.
Wahrscheinlich hat es mehrere Gründe. Zum einen sind Weblogs heute unmodern geworden. Die Leute lesen nicht mehr gerne, sie wollen alles sehen. Und falls sie doch lesen, dann werden Überschriften oder wenige knackige Sätze bevorzugt aber längst keine längeren Texte mehr. Zum anderen befanden sich schon vor 20 Jahren die meisten Blogger in einem fortgeschrittenen Alter; sie sind schlicht und ergreifend gestorben. Das wird meinem Weblog ebenso ergehen, denn sobald die Rechnungen nicht mehr bezahlt werden, kann man über die falsche Aussage, das Internet würde nichts vergessen, staunen, so schnell wird der Serverplatz gelöscht. Ist halt das Leben.
Und dann mag es natürlich auch noch eine gewisse Anzahl derjenigen geben, die einfach keine Lust mehr verspüren, Jahr um Jahr immerzu das gleiche zu schreiben in der Gewissheit, dass sich sowieso nichts ändert. Was mich allerdings so erstaunt, ist die Tatsache, dass überhaupt keine jungen Leute mehr nachzufolgen scheinen, die ihre Erfahrungen oder positiven Gedanken zum verheißenen Land Israel aufschreiben. Zumindest konnte ich nach langer Suche nichts dergleichen finden.
Jaja, es gibt ein paar wenige Ausnahmen (ich glaube, ich fand sensationelle zwei Blogs). Dort wird aber gegendert oder, so war in einem Blog zu lesen, man ist tatsächlich der Ansicht, die Politik der Grünen sei im Grunde fundiert, gut und notwendig für die Welt – bei aller Liebe, irre Leute gibt es schon genug, die möchte ich nicht auch noch „bei mir zu Hause” verlinken 🙂
Quintessenz: Das Internet hat in den letzten 20 Jahren eine Menge interessanter Geschichten verloren. Die wenigsten Weblogs finden den Weg in ein Internet-Archiv wie der „WayBackMashine”, zumal ein regelmäßiges manuelles Einpflegen viel lästige Arbeit bedeutet, weshalb ich das ebenfalls nicht mache. Und weil die meisten Leute wohl ähnliche Gedanken wie ich auch hege, dass nämlich das Erlebte oder Gedachte eh nicht wichtig genug ist, um es zu bewahren. So verschwinden dann eben viele Texte und mit ihnen die Gedanken im Nebel des Vergessens – außerdem bricht sich bei jedem früher oder später die Erkenntnis Bahn, dass es sowieso völlig egal ist, was nach einem kommt. Jaja, die besten Wünsche für die Kinder und Kindeskinder, natürlich, das meine ich damit gar nicht, sondern das eigene Sein und die eigenen Gedanken werden unwichtig für einen selbst, so meine ich das.
Hachja, dann suche ich mal noch ein paar weitere Weblogs, ’s wäre doch gelacht, wenn nicht irgendwo noch Perlen auf Entdeckung warten. In diesem Sinne mach das Beste aus dem heutigen eher schmuddeligen (nicht Fisch, nicht Fleisch) Frühlingsdienstag.
Bisher nicht drüber nachgedacht, aber du hast recht. Die Blogs die ich lese werden von Oldies geschrieben.
Was Israel betrifft, da gab es noch „Leben in Jerusalem“ von Miriam Wölke. Eine deutsche Jüdin die vor über 20 Jahren Aliya gemacht hatte und vor einigen Jahren an einer seltenen und unheilbaren Krebsart erkrankt war. Ich habe sie sehr bewundert für ihren mutigen Umgang mit ihrer Krankheit, sie hat sich einfach nicht unterkriegen lassen. Weil sie Schwierigkeiten mit der Konzentration bekam, hat sie dann keine Textbeiträge sondern Videos veröffentlicht, alle noch bei YouTube zu finden.
Im Oktober ’24 musste sie wieder in die Klinik und glaubte an eine Rückkehr nachhause, aber ihr Blog blieb stumm.
Ihre Texte sind nun vom Blog verschwunden, so wie du es erklärt hast. Ab und zu schaue ich noch ihre Videos, und mir drückt es noch immer das Herz ab. So eine wunderbare Person, ich vermisse sie schmerzlich.
Wünsche mir, dass meine derzeitige Blogliste noch lange erhalten bleibt.
Alles ist so brutal vergänglich. Sogar dein Wunsch: „Wünsche mir, dass meine derzeitige Blogliste noch lange erhalten bleibt”, zeigt indirekt, dass der Wunsch nur für dich als Lebende zählt, ich meine, was darüber hinaus sein wird nachdem wir nicht mehr da sind, ist uns Lebende naturgemäß egal. Auch ich wünsche, dass bestimmte Veränderungen, von denen ich weiß, dass sie kommen werden, erst nach meinem Lebensende eintreffen mögen. Um so bedauerlicher sind natürlich die Überschneidungen, die Veränderungen, von denen wir um so mehr mitbekommen, je älter wir werden.
Sehr, sehr traurig beobachte ich jene Veränderungen, die dazu geführt haben, dass Weblogs heute bereits im Aussterben begriffen sind. Morgen wird es sie nicht mehr geben. Es kommt nichts nach.
Für mich, wahrscheinlich für uns beide, sind aber textbasierte Blogs viel attraktiver als Vlogs, als die ewigen und oft schlechten Selbstinszenierungen per Video-Kamera. Sie haben natürlich auch ihre Berechtigung – die Hobby-, LKW-, Farm- und Reparaturvideos mag ich sehr – doch sie sind eben etwas anderes, ein anderes Genre sozusagen. Das reine und ausführliche Lesen war und ist eine Welt für sich, ohne die ich mir die Welt des Internets einfach gar nicht vorstellen kann und will.