Guck mal, das 3. Bild im oben angepinnten Slider habe ich neu gestaltet. Geschichte wiederholt sich zwar nie eins zu eins, doch, wie Boris Reitschuster zu sagen pflegt, sie reimt sich.
1969 stand West-Deutschland in gewisser Weise vor ähnlichen Herausforderungen wie heute:
Der Kalte Krieg mit der Sowjetunion befand sich auf dem Höhepunkt und im Inneren spaltete sich die Gesellschaft. Immer tiefere Gräben taten sich auf. Ich muss diese Zeit nicht detailliert nacherzählen, denn die Leser meines Tagebuchs sind gebildet und erfahren. Ja, ich weiß, dass mehr und mehr junge Menschen mit der deutschen Geschichte nichts mehr anzufangen wissen, doch ich bin nicht ihr Erziehungsberechtigter oder Lehrer. Wer unwissend ist, soll sich bilden, bevor er seine Klappe aufreißt. Es gibt Möglichkeiten dazu mehr denn je.
Jedenfalls umriss der neue Bundeskanzler Willy Brandt in seiner 1969 gehaltenen Regierungserklärung die Eckpunkte der zukünftigen westdeutschen Politik: Nach außen Dialogbereitschaft („Wandel durch Annäherung” oder kurz: „Wandel durch Handel”) und nach innen das Aufbrechen der verknöcherten autoritären Adenauer-Politik der Nachkriegsjahre und der anschließenden gescheiterten Großen Koalition. Das Zugehen der nun hauptverantwortlichen SPD unter Führung von Wehner und Brandt auf die DDR und die Sowjetunion sowie innenpolitisch auf die „APO” (außerparlamentarische Opposition) war seinerzeit für die Konservativen, die die linken Strömungen in Deutschland als „5. Kolonne Moskaus” beschimpften (so etwas ähnliches wie heute die „Brandmauer”), genauso ungeheuerlich wie eine Handreichung mit der AfD. Man befürchtete Deutschlands Untergang, eine zweite DDR, eine kommunistische Diktatur. Bitte ändere einfach die Vorzeichen, tausche „rechts” mit „links” und „links” mit „rechts” aus, schon erhältst du im Kern das Spiegelbild der heutigen deutschen Politik.
Nunja, dieses Banner zu gestalten (mit meinen sehr bescheidenen grafischen Kenntnissen und Möglichkeiten natürlich), das hat mir regelrecht eine diebische Freude bereitet, denn die Linken werden angesichts dessen im Dreieck springen. Und wüten werden sie, denn wie kann es jemand wagen („How dare you!”), ihr Idol, den Widerstandskämpfer Willy Brandt, der für Deutschland sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte im Kampf gegen den Nationalsozialismus, ausgerechnet ihn als Motivation und ethische Begründung für einen politischen Wandel in Richtung rechts heranzuziehen? Tja, exakt dieselbe Empörung, aufgebrachte, zornige, gar bösartige Leitartikel in den Zeitungen, Schimpf und Schande von der Hälfte der Bevölkerung, erntete seinerzeit Willy Brandt. Er ging mit seiner Politik nach außen wie nach innen ein hohes Risiko ein: „Wir wollen mehr Demokratie wagen” – das Ergebnis führte zur Abrüstung, zur gegenseitigen Akzeptanz und zur Überwindung der gesellschaftlichen Gräben.
Die Geschichte reimt sich dieser Tage wieder. Um den Reim wahrzunehmen, muss man aber den Ruf aus der Vergangenheit (noch oder erneut) im Ohr haben.