Nachdem ich im Mai dieses Jahres schon einmal über Frau Dagens Ansichten zu E-Books unangenehm schlucken musste, setzt sie in ihrem Interview mit Herrn Schuler noch einen drauf, wie man so schön sagt. Und das drängt mich mittlerweile nun zu der Ansicht, sie habe die Technik der E-Books eben nicht nur nicht vollumfänglich verstanden, sondern sie betreibt ihre Desinformation über E-Books mit voller Absicht.
Naturgemäß wundert ein solches Verhalten bei einer Buchhändlerin kein Mensch, möchte sie doch hauptsächlich Papierbücher verkaufen, sie sind ihre große Leidenschaft. Von daher betrachte ich ihre Falschaussagen, E-Books gehörten nicht den Kunden, sondern sie seien nur ausgeliehen, mit einer gewissen verständlichen Nachsicht. Was mich an dem Interview mit dem ollen Schuler aber wirklich stört, ist seine zur Schau gestellte Unwissenheit über E-Books, mit der er sich in gewisser Weise der Frau Dagen anbiedert, indem er ebenfalls hanebüchene Dinge zu E-Books sagt, nämlich dass sie von außerhalb auf den E-Reader leicht manipuliert oder sonst wie im Nachhinein verändert werden können. Über seine halb verschluckten Bemerkungen, auch Eselsohren oder Anmerkungen könne man nicht bei E-Books machen, verliere ich kein weiteres Wort, denn beides geht natürlich genauso wie bei Papierbüchern. Was er nicht weiß, existiert halt für ihn auch nicht.
Wie bei vielen anderen moderneren Dingen (unter anderem bei einem neuen Auto) ist natürlich heutzutage vieles möglich, wenn der Kunde dies zulässt und es sogar so wünscht. Was alles möglich ist und was schlussendlich beim Kunden geschieht, bestimmt aber immer noch hauptsächlich der Kunde (auch wenn einiges und immer mehr bereits im Hintergrund ohne dessen Wissen geschieht – wir befinden uns hier innerhalb einer Entwicklung und schon morgen kann noch mehr geschehen, das gestern noch undenkbar war). Daher kann ich auch nur von mir sprechen, wenn ich jetzt imaginärerweise den beiden Gesprächspartnern deutlich widerspreche.
Seit über 20 Jahren lese ich E-Books, besitze heute meinen 3. E-Book-Reader. Nur für das erste Mal des Einschaltens ist man mit dem Internet einmalig verbunden, danach nie wieder, wenn man denn auf sowieso überflüssige Updates verzichtet. Hier gilt also ebenfalls der Wunsch des Kunden/Benutzers. Die WLAN-Tauglichkeit der Geräte ist bei mir komplett ausgeschaltet. Niemand kann von außen eine Verbindung mit dem E-Reader herstellen. Und ich stelle sie, wie gesagt, nicht her, da ich diese Funktion nicht benötige. In der Vergangenheit mochte ich keine Papierbücher ausleihen und leihe somit auch keine E-Books aus. Allerdings habe ich auch noch nie ein E-Book gekauft.
Meine derzeitige Bibliothek besteht aus mehr als 25.000 E-Books, um darin zu stöbern. Klar, das zu lesen, schafft kein Mensch. Sie ist, um ein versehentliches Löschen zu vermeiden, auf mehreren Datenträgern gesichert und aus ihr werden regelmäßig für eine Auswahl temporär zu lesender Bücher stets ca. zwei Dutzend Werke auf den E-Reader kopiert. Ist ein Buch zu Ende gelesen, lösche ich es einfach auf dem Reader. Ist alles gelesen, wird er wieder aufgefüllt. Zudem stehen E-Books kostenlos milliardenfach im Internet zur Verfügung. Bei Bedarf wird eines auf den Desktoprechner in die Bibliothek heruntergeladen und anschließend per USB-Kabelverbindung auf den E-Reader übertragen. Dabei gibt es weder einen fremden Zugriff, noch eine Fernsteuerung von irgendwem.
Wie man nun an seine Bücher gelangt, da gibt es viele Wege. Frau Dagen hat recht, wenn es um den Verkauf der E-Books bei Amazon & Co. geht. Deren Bücher sind verschlüsselt und können nur von bestimmten E-Readern (ihren eigenen, die von ihnen vertriebenen „Kindls”) unter bestimmten einschränkenden Bedingungen gelesen werden. E-Reader anderer Hersteller können die verschlüsselten Bücher nicht lesen, doch es gibt eben legale Software zur schnellen und einfachen Entschlüsselung. Es ist ähnlich wie bei den Betriebssystemen Windows, Apple oder Linux. Der kluge Leser benutzt einen freien E-Reader und für zu Hause auf dem Laptop- oder Desktoprechner das Verwaltungsprogramm „Calibre”, mit dessen Hilfe unter anderem auch Verschlüsselungen aufgehoben werden können. Dazu benötigt man keinerlei technische Vorkenntnisse.
Entschlüsselte Bücher sind freie Bücher. Der Ursprung der E-Books liegt in den 1990er Jahren und war frei, danach kamen erst die Verschlüsselungstechniken des Kommerzes. Sie haben aber keine eigene Technik für die E-Books verwendet, sondern an der vorhandenen Technik einfach ein Schloss montiert. Die Technik bleibt also die alte und deshalb lassen sich E-Books auch beliebig oft kopieren, weiterverbreiten und heute selbst mit einem E-Reader von 1996 lesen wie ehedem.
Ist ein Buch einmal entschlüsselt, hat niemand je wieder von außerhalb irgendeinen Zugriff darauf. Es sei denn, du richtest eine Internetverbindung ein und ein Hacker dringt in deinen E-Reader und löscht z.B. alle Bücher. Das wäre vergleichbar mit dem Brandstifter, dem du deinen Hausschlüssel gegeben hast und der in deiner Abwesenheit die Bibliothek anzündet. Von daher ist es einfach unwahr und falsch den Eindruck zu vermitteln, E-Books seien alle grundsätzlich irgendwo eingeschränkt und stünden den Papierbüchern in etwas nach. Nur weil Amazon ein Bezahlsystem und eine Verschlüsselung erfunden hat, gelten diese Einschränkungen aber nicht für alle normalen, also unverschlüsselten, E-Books. Mit diesem Irrglauben verbreitet man höchstens die warmen Träume von Amazon. Ich habe keine Statistik zur Hand aber würde schätzen, dass weltweit über 99 % der E-Books freie Bücher sind, die natürlich in den Freundes- und Bekanntenkreisen der Leser durch legales Kopieren ihre massenhafte Verbreitung finden. Mit E-Books verdient demnach niemand großes Geld, sie sind aber eine Gefahr für den Buchhandel. Das wiederum ist die verständliche Erklärung, weshalb Buchhändler sie nicht mögen.
Auf die vielen, vielen anderen Vorteile der E-Books will ich jetzt gar nicht eingehen, das habe ich im Laufe der Jahre schon immer mal wieder getan. Schließlich möchte ich keine verkaufsfördernde Reklame für E-Books betreiben. Es muss jeder selber wissen, was er lieber liest, also ob auf Papier oder ob auf dem Reader. Nur soll man, wenn man das eine oder das andere schlechtredet, was man ja durchaus tun kann, einfach nicht lügen – auch nicht aus Unwissenheit Lügen weiterverbreiten. Denn das wäre schlicht ein Betrug am Leser.
Beim Lesen geht es neben anderen Dingen immer noch in erster Linie um den Inhalt, nicht ums Geld. Und wer heute behauptet, beim Schreiben, also als Autor, ginge es ihm ums Geld, der soll aufhören zu schreiben. Geschichten erzählt haben sich die Menschen schon vor tausenden von Jahren an den Lagerfeuern, das werden sie auch weiterhin tun – ob auf Papier oder auf elektronischem Wege.
Literatur stillt dasselbe Grundbedürfnis der Menschen wie die Musik. Kein Verlag und keine GEMA wird den Leuten jemals das Singen und Musizieren verbieten können. Allein schon die Idee, sich an einem Grundbedürfnis bereichern zu wollen, ist genauso pervers wie die Bemühungen der Lebensmittelkonzerne, Wasser als käufliches Gut zu vermarkten. Natürlich verdient der Interpret, der Autor, der Künstler seinen Obolus, das bestreite ich hier in keiner Weise, doch es ist etwas anderes, einen Künstler freiwillig, je nach subjektiv empfundenem Wert seines Vortrags, zu entlohnen und dem, was Google, Amazon und die GEMA betreiben. Das ist die pure Bereicherung.
Inneres Ich: „Und was hat das mit den E-Books zu tun?”
Nun, sie sind, wie das Internet als solches, ein entscheidender Fortschritt, sich aus den Fängen des Kommerzes zu befreien. Der Kommerz hat es allerdings geschafft, mit dem Internet, also mit dem Werkzeug für die Befreiung vom Kommerz, einen ganz neuen Kommerz zu erschaffen. Seien wir doch nicht so blöd und nehmen den Buchhändlern nun dieselbe Strategie ab, die uns Geld abknöpfen will für eine seltsame Freiheit, die uns vom Kommerz der Konzerne befreien soll aber ihrerseits nichts anderes als eben der Kommerz ist. Deshalb werden E-Books von ihnen überall schlechtgeredet, und das kann ich einfach nicht ausstehen.
Inneres Ich: „Achso, ein kleiner Revoluzzer?”
Eigentlich nicht. Ich mag nur nicht hinter die Fichte geführt werden und auch nicht dabei zusehen, wie anderen das geschieht.
_____
Nachtrag: Fortsetzung des Geschwurbels 🙂